Veröffentlicht
25.06.2019

„Wir können die Debattenkultur nur selbst verbessern“ - Torsten Albig im Interview

Torsten Albig ist der neue stellvertretende Vorsitzende des Beirats Politik & Public Affairs an der Quadriga Hochschule Berlin. Als ehemaliger Sprecher des Bundesministeriums für Finanzen und mit seinen Stationen als aktiver Politiker (Oberbürgermeister von Kiel und Ministerpräsident von Schleswig-Holstein) bringt der heutige Head of Corporate Representation der Deutsche Post DHL Group in Brüssel eine besonders umfassende Perspektive auf die politische Kommunikation mit. Am Rande des Studienstarts haben wir mit ihm über seine neue Rolle an der Quadriga Hochschule gesprochen und welche Art von Impulsen er in dieser geben möchte.

Herr Albig, herzlichen Glückwunsch zur Berufung als stellvertretender Vorsitzender des Beirats Politik & Public Affairs! Wie definieren Sie Ihre neue Rolle?

Torsten Albig: Vielen Dank! Ich sehe mich in der Rolle des Ratgebers und Begleiters, der aus dem Alltag der politischen Kommunikation einen Blick darauf wirft, wo akademische Lehre und Realität nicht ganz deckungsgleich sind.

Nach meinem Eindruck wird in der Lehre häufig die Chance verpasst, sich an der Realität zu reiben. Die Quadriga Hochschule will sich jedoch zum Glück nicht im akademischen Elfenbeinturm verstecken. Das habe ich schon gemerkt, als ich in den vergangenen Jahren hier mehrfach zu Gast war. Der Austausch mit den Studierenden des MBA Public Affairs beim Besuch letztes Jahr in Brüssel hat mich zudem darin bestärkt, eine solche Rolle zu übernehmen – sowohl in den Gremien als auch als Mentor*.

Wo haben Sie diesen Bruch denn in den letzten Jahren feststellen können?

In der Diskurstheorie wird gelehrt, sich anderen gegenüber zu öffnen und ein Verständnis von gegensätzlichen Positionen zu schaffen. In meinen verschiedenen Stationen als Kommunikator und Politiker habe ich jedoch gemerkt, wie verhärtet die Fronten zumeist sind – und häufig auch bleiben. Wenn wir das nicht auflösen, droht uns eine Kultur des Stillstands, in der wir uns nur noch im Widerspruch einig werden.

Als Vorbild sollte uns der skandinavische Raum dienen. Dort werden die Debatten mit einer anderen Ernsthaftigkeit geführt, so dass die Ergebnisse auch eher von der Seite akzeptiert werden, die ihre Ziele nicht durchsetzen konnte.

Was ist Ihre Empfehlung aus der Perspektive eines Praktikers?

Wenn man einen Blick auf Infrastrukturprojekte wie Stuttgart 21 oder auf das geplante und jetzt gescheiterte Handelsabkommen TTIP wirft, kann ich nur empfehlen, so viel Transparenz zu schaffen wie nur irgendwie möglich. Wenn erst der Vorwurf einer Hidden Agenda aufkommt, ist es meist schon zu spät. Deswegen gilt es auch, so früh wie möglich mit der Kommunikation anzusetzen.

Ziel muss es sein, die noch nicht entschiedene Mitte davon zu überzeugen, dass man es mit seinem Diskursangebot sehr ernst meint. Die eigentlichen „Gegner“ hingegen sind in der Regel mit keinem Argument zu überzeugen. Dabei ist es auch wichtig, dem Eindruck entgegenzuwirken, es gäbe ein Machtgefälle zwischen Staat oder Unternehmen und Vertretern aus der Zivilgesellschaft oder NGOs. Die kommunikativen Möglichkeiten - bspw. von Greenpeace oder dem BUND - stehen denen der anderen Seite in nichts nach. Eher umgekehrt.

Wenn wir aber wollen, dass ein Diskurs auch wieder zu Meinungsänderungen und nicht nur zu Scheingefechten führt, dann muss das von Seiten der politischen Kommunikation angestoßen werden. Dabei helfe ich den Studierenden an der Quadriga Hochschule sehr gerne als Impulsgeber.

 

* Torsten Albig vertritt den Beirat Politik & Public Affairs auch im Kuratorium der Quadriga Hochschule Berlin und beabsichtigt zudem, im Mentoringprogramm aktiv zu werden.